Harras, Blog
Samstag, 12. Oktober 2013
Weltpolizeistaat
Das Zeitalter der Politik sei vorbei, erklärt Carl Schmitt, wenn man darunter die Zeit begreift, als Politik Außenpolitik war. Innenpolitik hingegen sei keine Politik, sondern innenpolitische Auseinadnersetzungen seien nur Störungen des Friedens, den der Staat kraft seines Gewaltmonopols im Inneren hergestellt habe. Der innere Frieden zusammengefasst in der Polizeiformel "Ruhe, Sicherheit und Ordnung" ist insofern ein statischer Zustand, ein unpolitischer und, so fragt man sich, ein dikatatorischer. Die sozialistischen Bewegungen haben dieser Ideologik zufolge den Frieden fundamental gestört, indem sie den Begriff der Feindschaft nach innen verlegt haben, während sie gleichzeitig die Ordnung im Außen, nämlich der Sowjetunion, verwirklicht sahen. Analog dazu wurde hingegen "der Jude" von den Nazis zum Feind erklärt und somit jener Prozess eines Weltbürgerkriegs wie ihn Schmitt und seine Nachfolger postulierten fortgeführt. In dieser Tradition des Weltbürgerkriegs stehen heute alle islamischen Gotteskrieger und ihre selbsternannten Feinde der Weltpolizei, die um ihr Gewaltmonopol ringt und erkennt, dass angesichts einer mehrpoligen Welt die Schmittsche Formel nicht aufgeht, sondern allein als Instrument der Autorität nach innen funktioniert, ohne jenen Zustand des Weltfriedens zu erreichen wie ihn die Analogie zum Schmittschen Polizeistaat suggeriert. Insofern ist das Scheitern weltpolizeilicher Maßnahmen, trotz ihres moralischen Anspruchs, eher zu begrüßen, wirft doch die bereits komplette Kontrolle der weltweiten Kommunikation durch den NSA die Frage auf, ob ein Leben im Weltpolizeistaat erstrebenswert ist.
Der Aufschub des Realen
Die Flucht des Zeichens, das wie ein immer neuer Wegweiser an einer Ecke erscheint, führt nicht zur Erfüllung, sondern bewegt einen Erreger hinter einer Scheibe aus Glas oder einer Fläche aus Eis, dem jede Bewegung des Erregten dem Ziel scheinbar näher bringt. Die Abschaffung der Tastatur auf den neuen digitalen Geräten, vom Tablet bis zum Smartphone, folgt dieser Logik die Oberfläche zu glätten und auch die Erinnerung ans Graphem, ans Einritzen der Bedeutungen, mit dem Auslöschen der Buchstaben zu besiegeln, um das reibungsfreie Gleiten auf den Bildschirmoberflächen zu verbessern wie jene Maschinen auf den Eisbahnen unserer Kindheit, die dazu dienten, das Eis von den Ritzen der Kufen zu befreien und die Spuren unserer begehrensvollen Bewegungen aufzutauen und aufgetaut wieder einzufrieren.
Donnerstag, 10. Oktober 2013
Medien sind Rauschgift
Das zeigt in seiner modernsten Form die Computerspielsucht. Aber auch das Internet mit seinen Email- und Facebookkonten, die immer neue Miniemotionen generieren und zugleich die Begegnung, die Erfüllung eines Wunsches notwendigerweise auf der Bildschirmfläche aufschieben, zeugt Süchte. Filme und Bilder dienen ebenso als mächtige Begehrensmaschinen, deren Aneignung, Download und Besitz Sammelfetischismen auslöst, welche auf eine nie zu erlangende Fülle zielen, indem sie stets neue Lücken in der Sammlung offenbaren.
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